Räkeltest du dich im Halbschlaf. Versonnen. Auf den Laken eine Himmelbetts? Ich konnte es nicht sagen. Auch ich öffnete meine Augen. Kurz nur. Hätte ich – in einem dieser Momente – etwas zu dir gesagt, hätte es das Folgende sein können: ‘Der Protagonist aus Mirbeaus LJDS trifft Clara und Claras Mägde auf der Schiffsreise. Die Schiffsreise bestimmt den zweiten Teil von LJDS. Sie folgt auf das ‘FRONTISPIECE’.
Hätte ich es schlaftrunken geflüstert? Während wir im Himmelbett lagen? Hätten wir nicht geschlafen, wir wären wach gewesen. So aber rollten wir uns manchmal in die Arme, wachten überrascht auf, nahmen einen Schluck aus einem der großen milchigen Wassergläser oder aßen (rote) Erdbeeren.
Die Laken. Die Wäsche. Der Himmel. Ein kleines Bücherregal an der Wand. Viele Ausgaben von LJDS in unterschiedlichen Sprachen.
‘Ist Mirbeaus Text nicht’, hätte ich weiter flüstern können, ‘vor allem eine Kritik an Kolonialismus und Exotismus.’ Zumindest hatte ich ihn so in Erinnerung. Und ist nicht eine der namenlosen Mägde eine Chinesin. Was auch immer das bedeutet. Aber es ist ja dann die europäische und lüsterne Clara, in die der Protagonist sich verliebt.
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War es Zeit für eine methodische Überlegung? Im Halbschlaf? Waren die Erdbeeren alle? Und musste ich neues Wasser holen? Und sagte ich (oder du) nun schon nüchterner und fast schon halbwach: ‘Gilles Deleuze (1925–1995) beschreibt irgendwo (“Ein Manifest Weniger”), wie der italienische Theaterregisseur Carmelo Bene den Theatertext Romeo and Juliet aus der Perspektive der Nebenfigur Mercutio neu schreibt. Wenn ich mich richtig erinnere, schreibt Deleuze, dass es eine Strategie der Amputation ist. Zentrale Elemente des Stück werden amputiert, um Raum für eine andere Entwicklung zu schaffen. Deleuze sagt, dass so neue Kräfte freigesetzt und andere Anforderungen an die Gestaltung des Textes gestellt werden.’ Wir hätten fragen können: ‘Wäre der Vorschlag also gewesen Clara zu amputieren? Und danach zu fragen, wie die Geschichte aus der Perspektive der Magd verläuft? Wessen Magd wäre sie stattdessen gewesen? Und hätte der Protagonist sich stattdessen in diese verliebt? Welche Bedeutung hätte der Garten noch gehabt? Und was wäre mit der kolonialen Frage geschehen?’ Hong Kong war ja bis 1997 eine britische Kolonie. Frankreichs (und Japans) kolonialer Einfluss in China endete 1945. ‘Und’, hätte ich (oder du) hinterherschiebend können, ‘hätte man schließlich auch den Protagonisten amputieren müssen? Um Deleuze Impuls zu folgen?’
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Dann rekonstruierte ich das Narrativ aus der Erinnerung? Trifft der namenlose Protagonist Clara beim Kartenspielen mit dem Jäger und dem Kapitän? Entbrennt dann die Affäre, die das ganze Narrativ trägt?
Ein Geräusch ließ mich aufschrecken. War das Regal umgekippt? Hatten all die Bücher sich auf einmal über den Kabinenboden verteilt? War die Eule dagegen geflogen? Hätte ich die Bücher auf dem Boden liegen gelassen. Und waren schließlich die Nieten schon langsam oder lange zu dornigen Ranken geworden, die begannen an den Wänden und den Gängen, an den Backsteinmauern und an den Blumenbeten empor zu rankeln.
Und dann war es aber am Ende doch so, dass wir uns irgendwie auf den selbstgewaschenen und selbstbezogenen Laken räkelten, und dass unsere Beine und Körper mit ein wenig Widerstand, eine noch unbestimmte Form bildeten. Und hätte ich deinen Blick in einem kurzen wachen Moment erhascht, kurz nur, bevor du wieder in eine bewusstlosen Schlaf gefallen wärst, um dich an den frischen Laken zu reiben oder dich besinnungslos hin und her zuwerfen, wäre ungefähr das dann wohl die Geschichte gewesen. Aber welche Geschichte?
Ich saß an Deck und erinnerte mich an Blade Runner.1
J'étais assis sur le pont et je me souvenais à Blade Runner.
Ich lauschte dem Krächzen der artifiziellen Raben und erinnerte mich an Erinnerungen, die persönliche Erinnerungen waren, die aber nicht die Erinnerungen derer waren, der sie erinnerten.
J’écoutais le croassement des corbeaux artificiels et je me souvenais de souvenirs qui étaient des souvenirs personnels, mais qui n’étaient pas les souvenirs de ceux qui s’en souvenaient.
Meine Erinnerungen daran waren unwillkürlich. Sie ereigneten sich. Brachen sie durch die Risse.2
Mes souvenirs de cela étaient involontaires. Ils se produisaient. Ils perçaient à travers les fissures.
Während ich in dem Liegestuhl saß, der bereit gestellt worden war. Beobachteten wir Wale? Die in der Ferne – wie Stiere – durch das Meer pflügten. Erinnerte ich mich dabei an (P.K.) Dicks Metz Lecture? Die eigentlich nur in voller Länge gut ist. Und ohne, dass der Übersetzer, der immer jeden Satz einzeln ins Französische übersetzt, rausgeschnitten ist. In der Fassung also, in der man sieht, dass Dick nach jedem Satz eine Pause machen muss, damit der Übersetzer ihn aus dem Englischen ins Französische übersetzen kann.
Dick spricht von.
Der orthogonalen Achse der Zeit; der rechtwinkligen Zeit.
L’axe orthogonal du temps ; du temps à angle droit.
Und vom Messias.
Während dessen war ein Sommergewitter aufgezogen. War ein Blitz in meinen Kopf eingeschlagen. Und wenn ja, woher war er gekommen? In Dicks Kopf schlägt er ja aus dem alten Rom ein. Oder aus dem rechten Winkel. Während ich an Deck lag, fragte ich mich, ob sich das Sommergewitter hinter dem selben rechten Winkel der Zeit zusammengebraut hatte.
Aber dann dache ich, dass ich die Ruhe mochte, und dass wir vielleicht eine Sommerpause machen würden.
Mais ensuite j’ai pensé que j’aimais le calme, et que nous ferions peut-être une pause estivale.
1 Ridley Scott 1982. Philipp K. Dicks Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? 1968.
2 Marcel Prousts Zeitungsinterview vom 13. November 1913 in Le Temps, indem er davon spricht, dass es die unwillkürlichen Erinnerungen sind, die in uns das Vergangene weckt, während es die willkürlichen Erinnerungen sind, die mit falschen Farben malen.
Zu einem anderen Zeitpunkt lief ich unter Deck. Durch die vernieteten Gänge des Schiffs. Die genauso gut eine Seitenstraße in Hamburg hätten sein können. Rote Backsteine. Reich bepflanzte Beete. Oder rief ich dich an. Immerhin funktionierte mein Telefon. Ich war überrascht. Aber auch nicht überrascht. Ich lief und fühlte keine Bewegung. Stand ich in einer Halle.
War es der Bauch des Schiffs? Lief oder stand ich und sah ich die roten Backsteine so, als stünde ich in meiner Jugend. In der ‘Gustav-Leo-Straße’ in Hamburg. Als stände ich vor dem “U-Bahnhof Kellinghusenstraße”, ganz so, als lebte ich heute dort und nicht damals.1
War es kein Schiff?
Als wir sprachen wurde es mir klar. Dass du mit fünfzig ein neues Leben (vita nova) angefangen hattest. War es nur wieder eine dieser Sachen, die ich immer gewusst hatte, aber nicht aktiv gewusst hatte? Dann dachte ich, dass ich zu Chas (Dictee) zweitem Kapitel zurückkehrt war, hier in diesem Kapitel, dass zum zweiten Mal das zweite (oder zum ersten Mal das fünfte) Kapitel war. Während ich durch Cha’s Buch blätterte, las ich im ersten Kapitel: “The sea was calm, we did not feel the slightest of motion.”
Ich wusste, dass ich nicht neu anfing, sondern da weitermachte, wo ich zuvor angefangen hatte. Und dann. War mir, als flöge ein Papagei (oder eine artifizielle Eule) durch die immense Dunkelheit der vernieteten Gänge, die vielleicht auch eine immense Halle waren. Dann war wieder Stille.
Du (Mutter) bist fünfzig, als du deine Koffer packst und nach Hamburg gehst. Ich erinnere mich, wie wir aus der Wohnung in der Gustav-Leo-Straße, in der du zur Untermiete wohnst, ausziehen. Vor der Haustür fällt mir eine gewaltige Kiste mit Zinnsoldaten auf den Boden. Ich sammle sie panisch auf. Zum einen ist mir peinlich, dass ich eine gewaltige Kiste mit Zinnsoldaten habe. Das weiß ich noch. Und ich fürchte mich aber auch, dass irgendwelche Einzelteile verloren gehen. Später verweigere ich den Wehrdienst.
Bin ich unsicher, während ich darüber nachdenke, ob das Wetter im Draußen, hinter den Nieten, dass Wetter, dass ich nicht sehen kann, sich aufgeklärt hat? Stattdessen sehe ich nur dich, immer wieder dich, wie du da sitzt, an deiner Nähmaschine, wie du von Station zu Station ziehst. Nicht den Mut verlierst. Und niemals dich bewaffnest.
Du, die du in deinem Leben immer allein gearbeitet hast, sagst am Telefon zu mir, dem der in seinem Leben nie allein gearbeitet hat, dass du all die politischen Diskussionen im Keller des Hauses in Kleinmachnow satt gehabt hast. Es ist das Haus der Großeltern, die halbe Familie im Osten, die halbe Familie im Westen. Nie wieder wolltest du dich für eine Seite entscheiden, sagst du. Deswegen bleibst du allein? Sonst hättest du dich für jemanden entscheiden müssen? Sagst du. Ich finde es irgendwie kühn gedacht. Sage aber nichts. Halte es fest.
Dann bin ich unsicher, ob nicht doch was dran ist, an der unvergleichbaren Vergleichbarkeit. Die Yu Guan Soon Geschichte aber, (um auch zu dieser Geschichte zurückzukehren und) mit der jungen koreanischen Revolutionärin, die ihr Leben gibt, mit You’ll be gone soon also, aus Chas erstem Kapitel, lasse ich weg. Den Text, den ich dazu geschrieben habe, überschreibe ich nur immer wieder, und bin nie zufrieden. Dann ist mir trotzdem, als hörte ich eine Maschine stürzen. War die Eule dagegen geflogen.
1 Erinnerte ich die Geschichte von Gustav-Leo, Opfer des Nationalsozialismus, der starb, als ihm in der Untersuchungshaft die notwendigen Medikamente verwehrt worden waren? Und notierte ich Dr. Heinrich Kellinghusen. Bürgermeister von Hamburg, dessen Landsitz zu dem Park geworden war, auf dessen Bänken, ich manch trunkene Nacht verschlafen hatte?