Die Zeit war unwiederbringlich vorbei. War sie es?
Ich wollte sie ein letztes Mal notieren. Für dich. Für mich. Und weil sie vorbei war.
Ich wollte dir das sagen, war mir aber nicht sicher, ob du mich verstehen konntest. Wobei du vermutlich alles verstandst und wobei die Schleife in meinem Kopf vielleicht einfach nur meine Schleife war, in der sich eine Realität von der Realität abgetrennt hatte, die nichts mehr mit der Realität zu tun hatte, während wir die Piratenstraße in Ostdeutschland entlangliefen, die nicht unsere war.
Dabei lag das Klicken von zwei Schnäbeln wie eine antizipierende Markierung in der Luft.
Dann, während wir Hand in Hand liefen und ich deine Hand zu fest hielt, erinnerte ich mich an eine laue Sommernacht. Das wars. Das war fast alles, was ich zu sagen hatte, und ich wollte, dass es ein Standbild ist.
Wir hatten auf dem Fußboden gesessen, etwa sechzig Leute. Ein Mädchen oder eine junge Frau (Ani) saß mir gegenüber, im „Weißen” T-Shirt und mit „Weißen” Sport-Shorts. Wir rauchten selbst gedrehte Zigaretten, deren Nikotin sich in die Lunge brannte, und in deren Glut mein Blick sich verlor. Es war Vorabend und das Licht der Straßenlaternen war fahl. Viele trugen „Weiß” und saßen trotzdem auf dem Fußboden. Vielleicht waren wir einfach zu betrunken gewesen und vielleicht stimmte es nicht. Aber in meiner Erinnerung wurden die weißen Shorts aus dem Umsonstladen nie dreckig. Das Mädchen blieb nicht lang, sie verwickelte mich nur in ein kurzes Gespräch. Es ging um Hedonismus und um Umsonstläden. Ich erinnere mich nicht, was sie sagte, wusste aber, dass sie kritisch gewesen war. Auch weiß ich noch, dass ich z.B. überhaupt nicht kritisch war, und dass ich sitzen blieb, und immer noch da saß, lange schon, nachdem sie noch weggegangen war.
Dann setzte sich alles in Bewegung und ich hätte dir sagen können, dass ich damals häufig über Guy Debord nachgedacht hatte; und über den Film In girum imus nocte et consumimur igni.
Das lateinische Palindrom, das der Titel war, sagte von hinten und von vorne dasselbe („ingi ruminusnoc te etcon sumi murig ni”) und zerfällt auf Deutsch; als solches („Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt”)
Davon sprach ich aber nicht.
Die Frage war, ob schon vor dieser Zeit, die auch schon wieder viel zu lange her war, alles begonnen hatte, zu verschwinden. War es das weiße („candidus”) Feuer gewesen, dass alles verschlungen hatte, während wir (allein) weiter im Kreis („girus”) gelaufen waren? War es auch eine Katastrophe gewesen?
Und war es dieser Moment, in dem wir uns entschlossen hatten, den Flug zum Ätna zu buchen (genau so, dass wir im sechsten Kapitel angekommen sein würden, wenn es so weit war)?
Ich wollte das Verbrechen aufklären. Den Tatort rekonstruieren. Die Spuren sichern. Als könnten wir uns dadurch retten.
Während wir immer noch Hand in Hand liefen (oder liefen wir schon nicht mehr?), bereiteten wir uns auf unsere neuen Rollen vor. Würden sie den Mord aufklären?
Führte unser Weg durch die kleinen Straßen von SoHo in Richtung Lafayette Street? Roch es nach Knoblauch. Oregano. Liefen wir zum Puck Building? Dem Gebäude mit den zwei Statuen des Kobolds (the guilded puck statues). Das Markenzeichen des Satiremagazins, für das das Gebäude gebaut worden war.
Warum waren wir in Kyïv? Waren wir verreist? In die 1980er? War es dieselbe Schleife (girum)? Oder eine andere? Diesmal auf Englisch? Und mit Espresso?
Der Erzähler in LJDS geht ja auch auf eine Reise. Es ist eine Schiffsreise. Diese bestimmt den zweiten Teil.
Wir liefen weiter die Straße entlang. Du nipptest an deinem Kaffee.
Der erste Teil ist Das Gespräch im Salon.1 Mord. Meutre als philosophische Fragestellung Ils disputaient sur le meurtre, a propos de je ne sais plus quoi, a propos de rien, sans doute.
War das das Thema unserer Unterhaltung?
Cha wird nur wenige Tage nach der Veröffentlichung ihres Buches vergewaltigt und ermordet. Sprachen wir darüber? Sie ist zu Fuß (und allein) auf dem Weg zum Puck Building in Lower Manhattan. Die Leiche wird auf einem Parkplatz gefunden. Vieles muss türkis (türkis) gewesen sein.
Auch der Eiter?
Während ich das schreibe, frage ich mich, ob es angemessen ist das zu schreiben.
Dann Cha zitierend: The decapitated forms. Recording a past, would-be memory: Chas Leiche wird von ihrem Mörder auf einem Parkplatz versteckt, nicht enthauptet. Das alles früher.
Ich finde es doof, hätte ich zu dir gesagt, einen Femizid in einem narrativen Text zu verhandeln. Zugleich aber, hätte ich zu dir gesagt, ist die Frage, die Cha stellt, ja nicht nur die Frage ihres Todes
So ging es vielleicht. Ich war mir nicht sicher.
Ich sehe deinen Stalker nur einmal. Er steht neben dir und sagt Nichts (sagte also nichts und blieb stumm). War es ein Krimi. Gut. Oder respektlos.
Rannten wir von ihm davon, um Mandarinen zu essen?
Alles ein bisschen schief heute.
Zum Schluss notierte ich, dass LJDS erst so richtig losgeht, nachdem das Gespräch im Salon vorbei ist. Bedeutete das, dass es bald losgehen würde.
1 Kurz konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, ob unser Piratenloft einen Salon hatte. Dann waren da zwei Papageien, als hätte die Luft selbst sie angespuckt. Krächzten sie ein verblöndendes „Nie" und „Mie”? Ganz so, als wären sie vorher nicht doch dagewesen? Schimmerte ihr Gefieder türkis und malvenfürben, weiß im entgleitenden Blick? Als wäre es kein ein scharfes Klicken Knicken der Knäbel Schnäbel, das durch die Stille schnitt? Und waren die Papageien ganz zum Schluss dann doch daher eigentlich Kobolde (PUCK)?
Hatte ich geglaubt, dass ich allein geboren worden war? Glaubte ich allein zu schlafen.
Der Morgen war ruhig gewesen. Wir waren zusammen aufgewacht, Ich hatte Kaffee gepresst und ans Bett gebracht. Vor dem Aufstehen hatten wir uns einen Film angesehen. Während ich darüber nachdachte, war ich – sans doute – nie einsam gewesen.
Ich wollte noch einmal Artaud lesen und entschied mich diese Passagen anzusehen, in denen Artaud von „seul” spricht. Nachdem ich sie durchgesehen hatte (es gab wirklich viele), fiel meine Aufmerksamkeit auf einen der Briefe an Ani Besnard („filles du cœur à naître”), deren einziger („un seul, moi”) wirklicher Freund Artaud zu sein hatte. Ich interessierte mich aber auch dafür, dass bei Artaud niemals allein („seul”) gekaut wird (qu’il n’est pas seul a mârcher), niemals allein geschlafen („seul à dormir) und niemals allein geboren („celui qui naît ne se croit pas seul à naître”).
Und dann saß ich spätabends (ich war nach dem morgen aufgebrochen), einsam („seul") im Piratenbüro (nicht in Kyïv City) und arbeitete noch noch. Alle anderen waren schon gegangen.
Ich sah durch die Fenster auf den verdreckten Platz, die vereinzelten Bäume, die einzelnen Leute, die ab und an noch die Straße hinunterliefen (wo alles schon vor Jahrzehnten weg gewesen war.) Und machte mich einige Stunden später mit dem Fahrrad auf den Nachhauseweg (zu dir). Es war schwer sich vorzustellen, dass ich allein („seul”) kauen, schlafen oder geboren (oder scheißen) werden würde.
Und war Artaud, der immer und jederzeit eine solche Emphase auf seine Einsamkeit gelegt hatte, letztlich einsam („seul”) gewesen? Ich weiß, er meinte eigentlich etwas anderes: Aber der Einizige („filles du cœur à naître?”)
Und manchmal nur, wenn ich an dich (die oder der du nicht du bist), dachte, fragte ich mich. ob du Artaud geworden warst warst
MIT DER ZEIT
ZEIT
25지?
DIE VERGEHT
Ich imaginierte schließlich – war es ein Standbild – den alten zahnlosen Artaud, der nicht alt war, weil er ja jung stirbt, mit seinen langen fettigen Haaren, die vollständig weiß geworden waren, obwohl sie, sah man sich die historischen Fotos nach der Entlassung aus Rodez an, niemals weiß („candidus”) geworden waren, weil er ja nicht alt geworden war ist. Mit Zigarette im zahnlosen, Mund. Memory/remnant. Zahnlos. Elfenbein.