Ich hatte in der Küche hinter dir gestanden und bewundert, wie du die in den gehackten Tomaten zerkochten Cherry Tomaten mit dem Kochlöffel am Pfannenrad zerdrücktest. Wir hatten keine Zeit gehabt einzukaufen und den Samstag damit verbracht das Romankonzept zu diskutieren; wenn wir es denn diskutiert hatten. Ich trank die Reste einiger Weißweinflaschen der vorhergegangenen Wochen und ich trank sie aus einem der wenigen Weingläser, das ich beim Abwaschen noch nicht zerschmissen hatte (mit viel Eis). Weil ich weniger trinken wollte, stellte ich zum Essen dickwandige Halblitergläser Leitungswasser auf den Tisch.
Ich konnte mir das auf jeden Fall gut vorstellen, wie wir lebten, oder leben würde, in unserem Piratenloft, mit den vielen Zimmern, weil wir ja beide gern allein zusammen waren. Ich konnte mir vorstellen, wie es sein würde, wenn wir beide es nicht geschafft haben würden, uns aus unseren Hängematten hochzuhieven; hochzuhieven aus unseren Hängematten, mit den Bücherstapeln und den Laptops, und ohne Weißweinflaschen, nur hin und wieder, um zu kochen vielleicht, und um gemeinsam zu essen, um Sport zu machen oder um zu duschen, vielleicht; aber ansonsten eher nicht. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen. Was aber sollte das werden mit den Kindern, während wir darüber debattierten, ob das Hannah Arendt Poster wirklich im Wohnzimmer hängen musste (wie bei Goddard). Du machtest mich auf das „wie bei Goddard“ aufmerksam, während ich dir meine frühen Notizen vorlas.
Ich sah mir kurz noch die ersten Folgen von Black Lagoon an, weil ich mich daran erinnerte, dass die Serie (/der Anime) ja in einer Piratenstadt spielt. Aber die 2000er Jahre waren, wie ich feststellte, schon ganz schön lange vorbei.
Ich dachte kurz an den „Neptuno del Puntón“ vor der Playa de Melenara im Municipio Telde, machte mir aber keinen Reim darauf, auch nicht als ich mir ein Foto der Statue („Neptuno del Puntón“) ansah und daraufhin darin versank die grünliche Patina zu studieren.
Dann erinnerte ich mich an Theresa Hak Kyung Chas Dictee und wusste warum. Ich wollte Cha zitieren, so, wie Cha Sappho (falsch) zitiert. Sie schreibt: “May I write words more naked than flesh, stronger than bone, more resilient than sinew, sensitive than nerve”.
Und dann wollte ich darüber nachdenken, dass es bei Cha ja darum geht, eine Stimme zu konstruieren. Sie strukturiert ihren Roman darum, also um dieses Anliegen, in neun Kapitel, denen sie jeweils mythische Referenzfiguren gibt, die als – wenn man so will – thematische Verständnisschlüssel fungieren. Die neun Göttinnen, die sie auswählt, werden von ihr somit als Figuren der Besessenheit angerufen durch die gesprochen wird. Als unterschiedliche Stimmen aktivieren diese Personas dabei immer weiter variierende historische Topoi. Und so konstruiert / so müsste man vermutlich sagen / Cha ihre Stimme aus vielen anderen Stimmen. Aber was war Chas eigene Stimme?
Während ich das dachte, fragte ich mich, ob auch ich mir / endlich / eine Stimme konstruieren würde können, um endlich mal etwas zu sagen, endlich mal etwas, was more naked than flesh war und stronger than bone, und more resilient than sinew und more sensitive than nerve.
Und dann aber fiel mir auf, dass ich schon Probleme hatte, mir den Eigennamen („Neptuno del Puntón“) in kastillischem Spanisch zu merken; und dass ich, als ich „Neptuno del Puntón“ hatte schreiben wollen, „Grisbluntoo“ geschrieben hatte.
Wir standen am Ufer und blickten in den weißen Himmel, der unsere Augen löschte. Der Urlaub war kurz nur. Er dauerte nicht mal zwei Tage.
Kurz zuvor hatte ich angefangen Antonin Artauds Suppôts et suppliciations zu lesen. Ich hatte verschiedene Ideen gehabt, fing dann aber damit an, nach dem französischen Wort „blanche“ zu suchen. Immerhin fand ich 12 Erwähnungen. Artaud beschreibt eine „perte blanche“, eine „sinnlosen Vergeudung“ und einige andere Sachen. Hängen blieb ich schließlich beim lebendigen Blut, dass zu „pus blanc“ („weißem Eiter“) wird, wobei Artaud das Verhältnis von „rot“ und „weiß“ mehrfach problematisiert.
Ich erinnerte mich daran, dass ich über die spezifische historische Konstellation zum ersten Mal vor vielen Jahren nachgedacht hatte. Ich meine Vichy-Frankreich und die Atombombe. War es schwierig über das Trauma Japans zu reden, weil Japan mit Deutschland alliiert gewesen war?
Letzte Woche hattest du über weiße Kleider und über Hiroshima (und Nagasaki) gesprochen. Trug man ein weißes Kleidungstück mit einem schwarzen Pattern, brannte sich nur das schwarze Muster in die Haut ein. Hätte Artaud das gemocht?
Als ich dann nachschlug, dass Viele (10 – 20%) derer, die in Japan starben, letztlich aus Korea stammten, weil Korea eine japanische Kolonie war, konnte ich endlich das Problem in meinem Kopf auflösen, das mich umgetrieben hatte.