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JE / IC H

War es eine Unterbrechung, während du nicht da warst.

Ic h verlor meinen Schlüssel und ging verloren.

Ic h seufzte.

Ausgesperrt. I ch.

Ic h nahm es als Zeichen und fand Zuflucht in der Wohnung der Mutter.

Ic h ließ die Erde durch meine Finger rieseln und sah einen Stier.

Ic h saß auf dem Balkon, am Schreibtisch, in Bars, Cafés und im Park.

Und ic h begann Artauds Suppôts et Supplications weiterzulesen, während ic h davon überzeugt war, den Schlüssel in einem unerwarteten Moment in meiner Tasche zu finden. Immer an diesem Abgrund, unter dem eine Tiefe lauerte, deren Vermessung es nicht gab, oder geben konnte. Ic h hielt es für eine größere Geschichte.

Ic h (überflog oder las oder) wollte einige Seiten zur Gänze lesen. Las dann aber schließlich doch nur diese Sätze, in denen Artaud von der Mutter („mère“) spricht.

Das Artaud sich von allen Müttern befreien will, interessierte mic h nicht so.

Der Gedanke fühlte sich an, als wäre er nur ein weiterer Gedanke. Der aus einer anderen Zeit stammte, die es nicht mehr gab. Und die/diese Epoche war verloren. Ic h begann mir die Frage zu stellen, wann. Sie verloren gegangen war.

Ic h interessierte mic h aber dafür, dass Artaud die Mütter als austretende („ruer“) Stiere, Pferde oder Kühe denkt, aber auch als Meer. Und dann interessierte ic h mich dafür, dass ein zu tiefes Eindringen, wie es heißt, bestraft wird. Eindringen in was. Und dennoch (oder gerade deswegen) der Him mel und das Meer („le ciel ou la mer ou les vagues des immensités“).

War der eigentliche Schauplatz (oder die Szene) in einem immensen Türkis, in dem keine Gräser wachsen, oder wachsen würden, in einem hypnotischen Garten, in dem weiße Stiere rennen? Ic h seufzte. Konnte man sie streicheln. Und waren die immensen Mütter das, was das Meer oder den Him mel zerreißt.

War es an der Zeit Artaud auszutreten; und woanders hinzugehen. Andere Stiere streicheln. Der Cocktail war auch leer.

Ic h trank aus, oder aß auf. Fing das Tier (der Stier), die (der) neben der roten Flora („Rote Flora“) über den Aufgang zum Skatepark in einen Busch sprang, meinen Blick. Ic h blickte (gefangen) von der Terrasse dieser Bar auf, die mal ein Theater gewesen war, oder immer noch ein Theater war. Galopper (des Jahres). War ic h in Hamburg („Westdeutschland“) gelandet, weil ic h den Schlüssel verloren hatte. Wie war das denn passiert.1

Dann stand ic h auf und lief hin und her. Ic h war dem Impuls gefolgt ihn im Florapark zu suchen. Nach einiger Zeit begannen einige Leute mir zur helfen. Es war aber schon vorbei. Ic h hatte den Schlüssel ja nicht im Flora Park verloren. Sondern in einem Him mel, der immens war.

1Artaud eröffnet seine Fragmentations („Fragmentations“) mit dem französischen Pronomen Je (Ic h). Die Fragmentierungen sind dabei der erste von drei Teilen. Der eröffnende kürzere Textabschnitt des ersten Teils, d.h. der „Fragmentierungen“ wird von einigen Fragmenten getragen, die wenige Zeilen lang sind, und die jeweils mit einem Sternchen voneinander abgetrennt werden. Ic h nahm es zur Kenntnis und dachte, dass ic h nun endlich einen einsamen Text geschrieben hatte. Ohne Dialoge und wirkliche Interaktion. Ic h. dans l’apocalypse de la vie.

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도이치란트 (Deut schland)

Jemand musste das Schloss ausgetauscht haben. Ich suchte im Garten. Auf der Straße. Vor dem Haus. War es versunken?

In meiner Manteltasche fand ich ein Buch. Heiner Müllers Leben Gundlings. Friedrich von Preußen. Ein Greuelmärchen. Ging es um Deutschland?

Ich sprang auf den Beifahrersitz. Ins Auto der Mutter. Die Straße in der Nacht. Nur noch die weiße Linie. Das Licht der Scheinwerfer („Weißes Licht“). Wir fuhren nach Westdeutschland.

War die Nacht ein Meer? War das Auto ein Boot? Brausend / mit großer Geschwindigkeit / durch die Wellen / das Eis? Mehrere Lebensstationen („Liquidationen“). Passierend.

*

Ich war früh nicht mehr dagewesen. Und ich hatte nie gefragt. Als wäre ihre Geschichte nicht auch die Geschichte der Verstrickung.

Meine junge Großmutter glaubte, Vater und Schwester seien auf der Gustloff untergegangen. Sie stand am Ufer. Tage, Wochen, Monate später trafen sie sich in Köritz. Du sagtest: „Jahre werden es nicht gewesen sein.“ Vielleicht waren es Tage. Ich ließ es versinken.

Später. Sie waren in die DDR gegangen, weil sie es für die fortschrittlichere Gesellschaft hielten. Ich hatte nie gefragt. Warum. Konnte ich nicht sagen.

Später. Der Westen. Manchmal hatten sie erzählt.

Die Erinnerung an die Großeltern war lebendig, aber verschwommen. Ich, der ich mich für alle Erinnerungen interessierte, hatte für die Erinnerungen der Großeltern nie Zeit gehabt.

Am Ende aber hielt ich die Hand der alten Großmutter. Am Totenbett.

*

Wir hielten an der Raststätte.

Es war möglich, aber war es so gewesen? Später rekonstruierte ich, dass ich dort die Tür verloren haben musste. Danach sah ich sie nie wieder.

Trank ich ein Likörchen in der Parkbucht? Mit dir? Aber du musstest doch fahren. Krächz. Krächz.

Kurze Gespräche oder einzelne Sätze. Wörter. Hagelkörner. Pilze. Die pampig vom Himmel fielen. Der Beinahe-Gau in Greifswald. Tschernobyl, 25. April 1986. Zerriss die Wolke die Himmel Mitteleuropas? Der Pilz. Der Regen. Die Gewässer. Du in deiner Wohnung in Berlin? Mit mir. Damals. Nicht ein Jahr alt.

Die 600.000 bis 800.000 Liquidatoren (Katastrophenhelfer / ликвидировать), die mit unbeholfener Schutzkleidung ins Meer oder in den Himmel gesandt worden waren. Über 100.000 strahlungsbedingten Tote. Wer es Serien-Mord?

Einige Tage später schließlich, fragte ich die Mutter noch mal. Die Großeltern. 1930 in Ostpreußen an der masurischen Seenplatte (오곤켄). Geboren. 1934 in Berlin. Die NS-Geschichte von Ostpreußen, Berlin. Weitere Fragen. Ohne Frage. Später die Stadt. Die Mauertoten natürlich.1

1Müllers Text hat keine Ouvertüre. SUH-GOK. Das Leben Gundlings. Über das Patriarchat. Nach. Denken. Sagst. Du? Dabei. Ging. Es doch um die junge und alte Großmutter. Der Großvater stirbt früh an den Spätfolgen eines Herzinfarkts. Die Großmutter stirbt allein. Über Jahre. Ostpreußen als Hochburg der NS_Ideologie. All das. Das Verbot der ausländischen Zeitungen. Das Territorium der Majestät. Zwei Diktaturen. Und. Die Vernunftgründe. Alles schon. So. Lange. Vor langer Zeit. In. Die Tiefe. Gezerrt. Verflüssigt.

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MUT TER

Mutter. Als du die DDR verlässt, bist du 36 Jahre alt. Geboren im Osten, jetzt im Westen. Du gehst nach Westdeutschland, um der Stasi und einem zusammenbrechenden System zu entkommen. Vereinzelt triffst du andere, wie dich.

Westdeutschland wird nie deins. Aber dein Geist verlässt dich nicht. Es brennt. Feuer entfacht, entflammt. Ist es eine Geschichte kolonialer Machtbeziehungen?

Du sprichst hochdeutsch ohne Akzent. Ich kann nicht schreiben, dass du deine Sprache im Dunklen flüsterst. Etwas ist richtig und etwas ist falsch.

Ich will mit dir über dich reden. Über uns. Ich lese das Kapitel, dass Cha ihrer Mutter widmet und versuche es auf dich anzuwenden. Ich komme nicht voran. Wir reden, in der Küche, im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer.

Mutter. Du lässt Kulturwissenschaft, Denkmalpflege und den Henschelverlag hinter dir. Als ich geboren werde, bist du 33. Mit 40 machst du als alleinerziehende Mutter in Westdeutschland eine Ausbildung als Schneiderin und mit 45 den Meister. Nach den Jahren in Ostberlin lebst du in Bayern und dann mit 48 ziehst du nach Hamburg. Du mietest mit 49 eine Zweizimmerwohnung mit einem Durchgangszimmer. Ich lebe im hinteren Zimmer mit dem kleinen Balkon zum Innenhof.

Später, nachdem der Großvater stirbt, ziehst du mit 62 zur Großmutter, die du in ihren letzten Jahren pflegst. Als sie stirbt, bist du 70.

Ich schrecke zurück. Schreibe ich über dich? Oder mit dir? Dich scheint es nicht zu stören. Du denkst über dich selbst nach. Sagst du. Ich denke, dass ich mir von einer revolutionären, postkolonialen, ostdeutschen Identität nichts verspreche; dass die Leerstelle aber trotzdem existiert.

*

Ich beende das Frontispiz und füge einige Notizen an, die ein Plotpoint sind: Der Protagonist von Mirbeaus Le Jardin des Supplices ist ein mittelloser Lebemann, der nachdem das „Frontispiece“ vorbei ist, zu einer Schiffsreise aufbricht. Füllt nun also das Salz der Seeluft unsere Lungen. Geht der Auftrag, den der namenlose Protagonist erhält, damit einher, dass er sich, bei der Reise als Embryologe ausgibt? Würden wir aufbrechen? Liefen wir über die Passarelle an Deck?

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