Ich versuchte mich an einige der Filme zu erinnern, die ich in den letzten Jahren angefangen hatte öfter zu sehen. Dachte ich an Claude Lanzmanns Shoa? oder an das gesamte Werk? Ging es um Alain Resnais Nuit et Brouillard (1955)? Oder um Marcel Ophüls Le chagrin et la pitié (1969)? Und dann stellte ich aber fest, dass ich immer wieder zu Chantal Akerman zurückgekehrt war. Zu wem sonst.
Die Zeit. Blieb stehen.
Du hattest damals vorgeschlagen ein Referat zu Akermans No Home Movie zu halten; weil du, wie du sagtest, als wir an dem kleinen Küchentisch saßen; und als ich fragte, ob ich das hier so schreiben konnte; deine Abschlussarbeit schreiben wolltest. Du warst nicht einfach so in die Seminarsitzung gekommen, auch wenn mir das natürlich geschmeichelt hätte. Du wolltest noch mal dabei sein, aber du warst zur gleichen Zeit der Meinung, dass das Seminar eine gute Verbreiterung für die Abschlussarbeit war; was mir natürlich genauso schmeichelte.
Kurz wollte ich dann „die mintgrünen Kacheln” schreiben; schreckte aber zurück, weil es nicht unser Trauma war. Und weil ich zu viel Respekt vor der Verdichtung hatte. War es eine Versagung? Richtiger: War schon der Küchentisch zu viel gewesen?
Du schließlich scheitertest, weil du für den weitestgehend dialogfreien und zudem hervorragend untertitelten (und einfach zu verstehenden) Film, Französisch hättest lernen müssen; um darüber sprechen oder schreiben zu können. So starb dein Projekt. Wurde es ermordet?
Du brachst den Kurs ab. Was konnte ich dazu sagen? Wir waren beide sprachlos.
In Akermans Film geht es um den Tod der Mutter, die in der letzten Szene entgleitet, aber vor allem um das Trauma der Lager; und darum, wie es sich in den Alltag der Überdauernden einschreibt, bis sie nicht mehr überdauern. Und manchmal reden sie schon doch miteinander.
Aber die Untertitel. Und am Ende. Stirbt ihre Mutter.
Was bleibt ist die Einstellung mit dem alten knorrigen Baum, die minutenlang gehalten wird und die zeigt, wie der Wind weht, und rattert, als könnte er (der Baum / „arbor”) nicht brechen.
Am Anfang. Am Ende. Am Anfang über 4 Minuten. Der Baum, der einzige knorrige Baum, der für immer in diesem hängenden Garten hätte stehen können. Als wollte ich den Baum aus Ackermans Film klauen, was ich natürlich nicht tat. Stehen können unter dem immer weißen Himmel. In der Negev Wüste, die die „Israeli Desert” (HaNegev) ist.