Das klinischste Kapitel in Chas Buch ist das dritte Kapitel und wenn ich es jetzt erst lese, bin ich dann ein Kapitel zu spät? Weil das dritte Kapitel (bei mir) ist ja schon fertig, weil das war ja letzten Monat und das hier ist, also dieses Kapitel ist ja schon das vierte Kapitel. Chas drittes Kapitel aber, nicht das vierte Kapitel, ist ja der Muse Urania (Urania) gewidmet und der Astronomie. Und bei mir ist das jetzt ja das vierte Kapitel und da frage ich mich, ob ich das also jetzt trotzdem der Urania widmen kann und der Astronomie. Und aber dieser Kosmos aber – oder gerade deswegen –, um den es da – oder hier –, ja geht, wenn es denn um die Urania geht, die Urania, die ja die Muse der Astronomie ist, und wenn es denn um den Kosmos (Kosmos) geht, den Kosmos, auf den sich die Astronomie ja bezieht, meint die oder der bei der Cha ja nicht nur die Sterne, sondern auch den Körper und die Anatomie des Sprechens. Und meint er aber auch nicht, also dieser Kosmos, also bei der Cha vielleicht auch, aber vor allem bei mir, die Anatomie des Schreibens? Oder des Lernens? Und ist das wirklich wichtig? Oder kann ich das einfach sagen, einfach, dass es bei mir so einfach ist? Also, dass dieser Kosmos sich bei mir auch also und vor Allem auf die Anatomie des Schreibens und oder Lernens –– eben –– bezieht oder das es darum geht?1
AUSATMEN
Und das Buch von der Cha ist ja auch voller Fotos und voller Graphiken und Diagramme. Und ihr Kapitel beginnt ja mit einem Akupunktur––Meridian––Diagramm (经络图) und aus der chinesischen Medizin des 14. Jahrhunderts. Und ist das jetzt eben auch Akupunktur? Und später dann noch ein spezialisiertes Diagram der Larynx und der Stimmbänder. Und ich aber frage mich nach den Händen und nach den Fingerkuppen, mit denen ich ja tippe, wenn ich das hier schreibe. Und ob das dann eben die Anatomie der Diagramme ist. Oder die Akkupunktur der Stimme.
SPRECHEN UND NICHT SPRECHEN
Und du hattest auch ein paar Fotos gemacht. Du warst sogar extra vorbeigekommen und wir waren zusammen das Gelände abgelaufen und hatten jedes Bild einzeln besprochen, bevor du es oder sie, also das Bild oder die Bilder gemacht hattest, jedes Bild einzeln und die Bilder aber, die waren alle noch einzeln und zusammen im Labor. Und da war sie wieder, die Verspätung. Wie hier ja heute irgendwie alles zu spät ist.
STOCKEN
Nach dem ersten Diagramm folgt dann eine Szene in der der Cha eine Nadel in den Arm gestochen wird, und mit der ihr dann auch und so richtig schön, schwarzes Blut abgenommen wird, weil ja alles schwarz und weisz ist, und weil die Krankenschwester: „She pushes hard the white cotton square against the mark“. Und mein Arm ist natürlich nicht mein Arm. Und vielleicht sitzen wir ja auch auf einem immensen weiszen Baumwollquadrat, das schlägt wie Rabenflügel, und wofür das dann aber, steht, das weisz ich wirklich nicht, nicht.
NOCHMAL ANSETZEN
VERSTUMMEN
Cha spricht Koreanisch, Englisch und Französisch. Sie besucht die katholische Schule. Dort lernt sie Französisch. Und dafür muss sie wirklich viele Transkriptionsdiktate machen. Bis es klappt. Und Dictee Ist ja auch der Titel von ihrem Buch, und nicht der Titel von meinem Buch. Und Dictee heißt ja auch Diktat. Und aber so bin ich schon wieder, also ungenau geworden. Und muss ich mich dann auch noch fragen, warum ich denn jetzt diesen seltsamen Stil für die seltsame Karte gewählt habe? Oder kann ich das einfach so stehen lassen.
NICHT VERSTUMMEN
Und wir reden viel oder du redest viel. Ich lerne viel über die Kolonialgeschichte von Korea. Natürlich bin ich dir dankbar. Für dein Wissen. Komme aber zu dem Punkt, an dem die Differenz der Elemente stärker wird als ihre Ähnlichkeit. Ging es nicht eigentlich um den Unterschied zwischen Erzähler und Erzählung, und um die Astrologie der Elemente, die sich zueinander in Beziehung setzen, wie die Sterne in einem Sternbild. Ich denke über das Trostfrauen-Denkmal in Berlin nach, weil wir darüber ja auch sprechen, genauso, wie wir über die Lager sprechen, und dann frage ich mich, auch wenn das Denkmal an sich natürlich seine Berechtigung hat, ob Berlin wirklich der richtige Ort war, um es hinzustellen. Und ob das etwas, also dass ich mir diese Frage stelle, sagt, und was es sagt. Und ich stelle fest, dass ich von diesen Lagern nicht genug gewusst habe und nicht genug weiß.
1Und während ich das so schreibe und während ich über das Serienkiller-Motiv und über Osteuropa nachdenke, mache ich mir dann aber auch Notizen zu dem Anime da, oder dem Manga da, der Naoki Urasawas Monster ist. モンスタ problematisiert ja nicht nur Ostdeutschland, sondern auch Osteuropa. Und das hier ist ja der wieder der dekoloniale Gedankengang hier. Und schlägt man das Manga モンスタ auf, dann ist das eben auch so, dass man dann eben auch viele Kanjis kennen lernen kann, die das innere des Kopfes betreffen, weil der Protagonist von dem Anime ja Gehirnchirurg ist. Und ich interessiere mich ja nicht nur dafür, also hier, also für Gehirnchirurgie, sondern eben auch für den Blick nach Osteuropa. Und was mich durcheinanderbringt ist, dass ich die Folge in der sich der Protagonist, der Dr. Tenma heißt, mit einer Sniper Rifle in einer Bibliothek verschanzt, an dem Tag zum ersten Mal sehe, an dem Charlie Kirk erschossen wird (mit einer Sniper Rifle). Und dann – also heute – nehme ich zur Kenntnis, dass die AFD jetzt die bundesweit stärkste Partei ist. Und was die AFD jetzt mit diesem Text oder dieser Karte zu tun hat, das weiß ich aber insgesamt auch nur bedingt. Das Gefühl aber habe ich. Das es wichtig ist, das jetzt hier mal so hinzuschreiben. Auch weiß ich nicht, warum ich gerade über BKA Agent Lunge nachdenke, der ja eine zentrale Rolle in dem Anime spielt.
Und so begann die Reise. Oder hatte sie schon begonnen.
Und so fragte ich mich, ob es eine Bootsreise war.
Spritze ich mir das Chronol, dass auch Industriemüll ist, oder las ich La Transperceneige (den Comic), nachdem ich mir Snowpiercer (den Film) angesehen hatte. Ich schlug die erste Seite auf. Der erste Satz: „Parcourant la blanche immensité d’un hiver éternel et glacé d’in boute á l’autre […].“
Und so bezogen wir unsere Kabine. Es herrschte Überbelegung. Das Himmelbett ein Stockbett, die Kabine eine immense Halle.
Ich hatte den Film vor Jahren gesehen. Jetzt sah ich ihn noch einmal. Mit dir. Im Bett. Der Laptop auf deinen oder meinen Beinen. Drängten wir uns in einer der oberen Etagen. Eines Stockbetts.
Eine koreanische Koproduktion. Im Übrigen. Der Zug rast um die vereiste Welt. Eine Unterschicht im hinteren Wagen. Im ersten Wagen der Architekt im Morgenmantel, mit Pfanne. Steak vom Stier.
Daher: Das um die vereiste Welt rasende Boot. Die Unterschicht im Bauch. In der Mitte die, die arbeiten. Oben die, die feiern. Ganz oben, der Kapitän.
Wäre es kein Stockbett gewesen. Du hättest Blaubeeren oder Erdbeeren ans Bett gebracht. Tee gekocht. Ich hätte (dann doch) eine Flasche Weiszwein getrunken, die ich eigentlich nicht trinken wollte. Bis der Abend sich in einen tiefen und endlosen Schlaf verflüchtigt hätte. Am Morgen hätte ich Kaffee gekocht und Schaum geschlagen.
So. Kakerlakengelee.
Der Plot ist der Aufstand. Von Anfang an (wie alles andere auch) sorgfältig inszeniert. Zuerst stellen sie fest, dass die Kugeln schon lange ausgegangen sind. Dann brechen sie durch. Dann doch nicht. Am Ende das Gespräch mit dem Architekten. Ein Tanzstück. Die Demarkationslinie.
Der Kapitän (Wilford), dem wir begegnen würden, nachdem der Sicherheitsexperte uns mitgeteilt hatte, dass das Schiff jedes Jahr genau an dieser Stelle ein und das selbe Schiffswrack passiert. Das Eis. Jedes Jahr. Ein bisschen geschmolzen.
Ich erinnerte mich an eine andere Schnittfassung. War meine Erinnerung falsch? Die kleinen Linien verschwunden. Der Subplot um das Chronol. Hatte ich ihn mir eingebildet? Ein bisschen anders als er eigentlich gewesen war?
Unser Schiff dennoch vernietet, sicher im Dunklen. Die Luken geschlossen. Dann aber. Schmilzt das Eis. Weiß. Schwarz. Der Comic. Ohne Farbe.
Ich frage mich, ob es ein Fiebertraum ist.
In der Schnittfassung, an die ich mich erinnere, war es so, dass der Sicherheitsexperte von dieser Droge abhängig ist, die Chronol heißt. Und dass er die immer nehmen muss, um die Schleusen zu öffnen, die durch den Zug (das Schiff) führen. Nur dann ist es so, dass das Chronol zwar abhängig macht, aber auch ins Jenseits der Zeit führt. Und dass es nur in diesem Jenseits der Zeit möglich ist, die Schleusen zu öffnen. Das aber, kann ich so nicht mehr finden. Im Film. Habe ich es mir eingebildet?
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APPENDIX (GIESZEN)
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1 Ich liesz mich einweisen. Zweimal. In die Anstalt. Einmal, als ihr es nicht mehr aushaltet. Und einmal als ich es nicht mehr aushielt. Liesz ich mich wieder ausweisen. Und wieder einweisen. War das die Reise?
2 War die Anstalt ein Boot? Das geteilte Zimmer die Kabine? Besuchbarkeit. Jeden Tag. Du. Die Wellen. Das Rauschen.
3 Am Anstalt-Tisch las ich Friederike Mayröckers Ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk (2010). Dann. Notierte ich. Fusznoten zu einer nichtgeschriebenen Eröffnung? Auf schwankendem Boden. „Nahm“ ich „auf mich die Schuld […], die wahnsinnig […].“ Aber welche Schuld? Das Alter? Die Medikamente? Oder: Im/Das Jenseits der Zeit?
4 Schreibt Mayröcker ihr Buch in Fusznoten? Als ich das Buch 2010 kaufte und las, ärgerte ich mich, dass die 243 Fusznoten, die auf einen Roman verweisen (, der zugleich da und nicht da ist), nicht wie Fusznoten (unnötig klein und gedrängt) gesetzt sind. Zudem finde ich, dass bei Mayröcker die Fusznotentrennlinie fehlt. Üblicherweise trennt diese ja den Text von den Fusznoten. Ich denke: „Wo ist der Negativraum.“ ‚Das nichtgeschriebene Werk.‘ Das weisze Papier. Ist zu viel. abwesend. Oder zu wenig anwesend.
5 Appendix (Gieszen): 243 Jahre vorher. Lese ich Samuel Webers Übersetzung von Walter Benjamins ‚Möwen‘. ‚Seagulls‘. Der Appendix. Nun. Nochmal in der Anstalt. Zitierend: Benjamin, S. 325: For a long time I follow the flight of the seagulls/ravens. A pair of deep, black beating wings. Genauso zuerst in Gießen. Mayröcker. Nun, nochmal, S. 25: Das fähnchen/möwengeschmückte Schiff […] dasz ich nicht stürzen möchte.
6 Lodernd. Weisz. In den Handflächen. Mir erscheinen zwei Seeraben. Funkelnd. Auf irgendeiner Astralebene. Nicht von meiner Seite. Wohin ich auch gehe. Weichen. Die Tage darauf. Treffe ich wirklich überall Raben. Sie landen vor mir, fliegen über meinen Kopf, krächzen mich an.
7 Liege ich in meiner Kabine auf dem Doppelstockbett? Erinnere ich mich an Boris Nikitins Woyzeck. Eigentlich nur Malte, der auf der Probebühne eine Geschichte so erzählt, als wäre es seine Autobiographie. Malte erzählt auch von seiner Zeit in der Psychiatrie. War Malte wirklich in der Psychiatrie? Stand Malte als Malte auf der Bühne? Brachte er den Mut auf von seiner Zeit in der Psychiatrie zu berichten? Oder war Georg Büchners Woyzeck einfach mit einem autofiktionalen Narrativ weiszer männlicher Subalternität übermalt worden? Ein Narrativ, dass Motive aus dem Stücktext aufsammelte? Andere liegen liesz? Eigene dazu erdichtete? Aber nicht unbedingt wahr war. War das der Reiz der Aufführung? Das man es nicht wusste. Ich war unsicher.